Willkommen bei ClassicPassion Foren ClassicPassion Forum Roadscenes – Photos von besonderen Autos und die erdachten Geschichten dazu…

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  • #18822
    Avatar-Fotohugoservatius
    Administrator

    Ich liebe alte Photos von alltäglichen Straßenszenen mit den zeittypischen Autos, Häusern und Passanten, ich fange dann immer an, mir vorzustellen, welche Menschen mit welchem Ziel in diesen Autos sitzen und auf den Gehsteigen flanieren…

    Bei diesem Photo scheint es mir recht einfach:

    Dieses rote Series I E-Type Coupé, was da am frühen Morgen durch die menschenleeren Dörfer der Cotworls zurück nach London gelenkt wird, gehört Lady Armanda Skepswich, einer eher strengen blonden Mittvierzigerin, die mit einem Anwalt der Britischen Krone in Hong Kong verheiratet ist.

    Seit er den Ruf in die Kronkolonie bekam, trägt er in seinem Club und bei seinen Freunden den Spitznamen „Old Filth“, was boshafterweise für „Failed in London, tried Hong Kong“ steht, trotz der glänzenden Karriere und des erheblichen Einkommens ihres Gatten hatte Lady Armanda es vorgezogen, ihrem Mann nicht in die schwüle Hitze Asiens zu folgen und behielt ihren Wohnsitz in Kensington, einmal im Monat traf man sich, vorzugsweise an der Côte d’Azur, in Marbella oder im Ferienhaus seiner Familie in Cornwall, ansonsten vertiefte er sich in seine Arbeit und sie sich in das Bridge-Spiel, die Kulturszene der Stadt und den Reitsport.

    So auch an diesem 22. Mai des Jahres 1966, am Vortag war sie in die Cotsworlds gereist, um an einem Abendessen des früheren Vizekönigs von Indien, Dickie Mountbatton und seiner Frau Edwina teilzunehmen, unter den Gästen war auch ein brillianter, junger Intellektueller aus Deutschland, dessen Charme, Eleganz und funkelnder Witz sie sofort in seinen Bann zog, es kam, wie es kommen mußte, Armanda und der junge Deutsche verbrachten eine spektakuläre Nacht im „The Sparkling Arms“, dem Hotel, in dem Edwina die Gäste des Dinners untergebracht hatte.

    Armanda wachte verwirrt, beseelt und völlig derrangiert in den frühen Morgenstunden auf, raffte das Cocktailkleid von YSL, ihre High Heels und ihre Handtasche zusammen, goß sich an der verwaisten Hotelbar einen doppelten Gin auf Eis ein, um einen klaren Kopf zu bekommen und bestieg den neben einem kleinen, grünen Käfer mit Deutschen Kennzeichen geparkten E-Type, um schnellstmöglich nach London zurück zu fahren und die Sache mit ihrem Therapeuten zu besprechen.

    Sie startete den 3,8 Liter Reihensechszylinder, der Kies spritzte unter den Speichenrädern als sie den Hotelparkplatz verlies, sie kurbelte das Seitenfenster herunter, um den frischen Fahrtwind in ihrem offenen Haar zu spüren und steuerte den Jaguar mehr als zügig durch die verschlafenen Ortschaften Südenglands, das sonore Röhren des Wagens brach sich vielfach in den engen Dorfstraßen und gab ihr das Gefühl, wenn auch nicht ihrer Gefühle, so doch wenigstens Herrin des Wagens zu sein…

    Nach einer Dreiviertelstunde stoppte sie den roten Sportwagen auf einer Anhöhe, stieg aus, genoß den Blick in das liebliche Tal vor ihr und zündete sich eine Cigarette an, dabei fiel ihr auf, daß sie nicht nur das Harry-Winston-Collier, das ihr Filth zum vierzigsten Geburtstag geschenkt hatte, im Hotelzimmer vergessen hatte, sondern auch ihre alte Patek Phillippe, ein Geschenk ihres Vater zum Abschluß in Cambridge.

    Tief zog sie den Rauch der Players in ihre Lungen ein, also würde sie ihn wiedersehen, diesen talentierten Deutschen mit den unfaßbaren Fähigkeiten…

    Schicksalhafte Grüße, Hugo.

    „Also, ich mußte wieder auf ein paar Tage nach Bodenwerder. Meine Mutter wollte mich dringend sprechen. Sie hatte angerufen, ich solle doch bitte mal rasch kommen, es war ganz unheimlich gewesen am Telefon.“

    #18853
    JaHaHe
    Teilnehmer

    Es war Winter geworden, in dieser Stadt, in der man ja angeblich den Regenschirm aufmacht wenn es in London anfängt zu regnen. Beate war das alles fremd, sie war erst seit kurzem in Hamburg gelandet und noch dazu in einem unmöglichen Auto. Doch der Reihe nach, Beate war nach Internatsbesuch in Salem nach München zum studieren gezogen und hatte dort viel Spaß, lebte die Biographie, die so vielen schwäbischen Vorstandskindern und Hidden-Champions Erbinnen vorbestimmt war. Ach Unsinn, als Beate groß wurde hies hidden champion einfach nur Mittelstand. Natürlich hatte man das größte Haus, Auto und Bodenseeboot am ganzen Ort, aber sonst war alles ganz normal. Fast Forward nach München, Beate hatte BWL studiert und auch halbwegs erfolgreich abgeschlossen. Schließlich hatte sie sich in den Lehrbeauftragten für Marketing, einen erfolgreichen Jungunternehmer, Peter geheissen verliebt und die beiden fuhren mit Peters Porsche alle Inn-Tankstellen von Kampen bis Tegernsee über Kitzbühel und der Arlberg ab. Was man eben so macht.

    Peter verdiente in der Dotcomblase mit seinem Unternehmen erst sehr viel Geld, seine Investoren verloren in kurzer Folge allerdings noch sehr viel mehr. Das Thema betrügerischer Konkurs stand ganz oben auf der Tagesordnung bei der wöchentlichen Sitzung mit der sündteuren Kanzlei, die sich Peter leistete. Peter wusste was zu tun ist, die Wohnung an der Münchner Freiheit wurde auf die nichtsahnende Mutter überschrieben, die Uhren bei guten Freunden deponiert (mutig, bestand der Freundeskreis doch im Grunde aus den gleichen Hasardeuren) nun blieb dieser Porsche. Ein gelber Porsche. Diesen sollte Beate günstig kaufen, bestand doch hier keinerlei Verwandtschaftsverhältnis. Im Übrigen sehr zu Beates missfallen! Aber nun gut, für 20.000 Dm war Beate nun Eigentümer dieses, von ihr in dem schwäbischen Dialekt, in den sie nach dem 3. Glas Champagner verfiel, „Scheisskarren“ geheißenen Fahrzeugs.

    Peter hatte gesagt, dass er nachkommen würde nach Kitzbühel, er müsse „nur mal eben noch ein Paar Dinge aus der alten Wohnung holen und dann noch in die Firma“, ein Call mit einem neuen Investor aus dem Silicon Valley. Beate hatte schon in den Wochen zuvor Veränderungen an ihrem Nicht-Gatten festgestellt und war sich der Sache nicht mehr ganz sicher. Auf dem mittleren Ring setze sie den Blinker und drehte nochmals Richtung Schwabing um. Sie fuhr den gelben Porsche, den sie doch eigentlich schon immer recht albern fand. In ihrer Heimat hatten natürlich auch „alle“ einen Porsche, aber der hatte normale Farben, wie Schwarz oder auch Schwarz, schon alleine wegen des Wiederverkaufs…

    Als Sie die Tür zur Wohnung mit den weißen Ledersofas aufstieß, traute Sie ihren Augen nicht. Peter sass halbnackt mit seiner Sekretärin in mitten von Tütchen, die später im Bericht der Kriminalpolizei als „Szenetypische Päckchen“ beschrieben wurden eines war offen.

    „Des isch des letzte mal, dass Du mich siehst du Rotzaff“ schrie Sie ihrem nicht- und nun auch niemals-Gatten entgegen. Machte kehrt und setzte sich in den Porsche.

    Fuck you Peter – Fuck you München – Fuck you Kitzbühel.

    Beate steuerte den Porsche unter Missachtung sämtlicher Regeln gen Norden, immer weiter, immer weiter. Bis sie schließlich in Hamburg ankam. Hier wollte Sie neu beginnen. Die ersten Nächte verbrachte Sie in einem Hotel an der Alster, nahm sich später eine kleine Wohnung in Pöseldorf und meldete den Porsche endlich um. So stand Sie nun im kalten grauen Hamburger Winter und manch ein Passant freute sich am gelben Farbtupfer, bestellte man dort autos ja eigentlich nur in dunkelblau.

    Sicher, das Auto war eigentlich indiskutabel, aber Beate behielt es. Als Warnung, künftig bei Männern besser hinzusehen…

    Bis Sie allerdings ihre 4 Kinder in einem grünen Range Rover zum Hockey fahren würde, sollten noch eine Zeit vergehen. Und diese Geschichte wird später erzählt!

    "Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke und von Bodenwerder träume"

    #18860
    Avatar-Fotohugoservatius
    Administrator

    Wundervoll, lieber Freund!

    Beate kam dann häufiger in den NRV, diese Buchstaben standen eigentlich für „Norddeutscher Regatta Verein“, wurden aber nicht nur von den Mitgliedern des benachbarten „Hamburger Segel Clubs“ als „Nur Reiche Väter“ interpretiert.

    Dort lernte ich sie kennen, problematisch war nicht nur der gelbe Porsche und die schwäbische Klangfärbung, wirklich indiskutabel war ihre Unfähigkeit, zu erkennen, von wo der Wind wehte!

    Das machte das Segeltraining, zu dem ich mich aus fadenscheinigen Gründen bereit erklärt hatte, leider zu einer reinen Qual, die auch durch die amourösen Abenteuer, zu denen ich sie im Anschluß versuchte, zu überreden, nicht aufzuwiegen war…

    Sie lernte dann an einem sonnigen Samstag Nachmittag auf der Terrasse des Clubhauses einen zweimal geschiedenen Reeder kennen, der mittels des riesenhaften Mobiltelephons der frühen neunziger Jahre versuchte, den Bergungsschlepper zu seinem vor der Holländischen Küste havarierten Frachter zu dirigieren, was erst nach Übersendung einer Schuldanerkenntnis über 1.000.000 $ per Fax auf Thermopapier gelang.

    Diese Szene beeindruckte sie so sehr, daß sie fortan auf das Segeltraining mit mir verzichtete und zügig aus Pöseldorf an die Elbchaussee übersiedelte, ein lieber, alter Freund aus dem Rheinland traf sie noch einmal, in der Volkshochschule, wo sie den Kursus „Hamburgisch für Zugezogene“ besuchte…

    Indiskrete Grüße, Hugo.

    „Also, ich mußte wieder auf ein paar Tage nach Bodenwerder. Meine Mutter wollte mich dringend sprechen. Sie hatte angerufen, ich solle doch bitte mal rasch kommen, es war ganz unheimlich gewesen am Telefon.“

    #18868
    Avatar-Fotohugoservatius
    Administrator

    Lady Armanda Skepswich, eine eher strenge, blonde Mittvierzigerin, die mit einem Anwalt der Britischen Krone in Hong Kong verheiratet ist. Seit er den Ruf in die Kronkolonie bekam, trägt er in seinem Club und bei seinen Freunden den Spitznamen „Old Filth“, was boshafterweise für „Failed in London, tried Hong Kong“ steht, trotz der glänzenden Karriere und des erheblichen Einkommens ihres Gatten hatte Lady Armanda es vorgezogen, ihrem Mann nicht in die schwüle Hitze Asiens zu folgen und behielt ihren Wohnsitz in Kensington, einmal im Monat traf man sich, vorzugsweise an der Côte d’Azur, in Marbella oder im Ferienhaus seiner Familie in Cornwall, ansonsten vertiefte er sich in seine Arbeit und sie sich in das Bridge-Spiel, die Kulturszene der Stadt und den Reitsport.

    Es war an einem Donnerstag, kurz nachdem Filth in den Royal Hong Kong Jockey Club zum Lunch gefahren war, als das Telegramm mit dem Vermerk „Confidental!“ in Filth‘ Büro eintraf, Harold wollte ihn dringend sehen.

    Kim Cheng, Filth‘ bildschöne Assistentin, rief den Clubsekretär an, widerwillig beendete Filth die grundsätzlich eher ausgedehnte Mittagspause nach dem Starter und fuhr zurück in sein Büro, Kim hatte ihn für die 17.00 Uhr-Maschine nach London gebucht, wenn der Premierminister rief, mußte auch ein Kronanwalt springen…

    Filth mochte Harold Wilson nicht besonders, das lag weniger an seiner kleinbürgerlichen Herkunft sondern an seiner Mitgliedschaft in der Labour-Party, was Filth fast so schlimm fand wie die Mitgliedschaft im falschen Cricket-Club, selbstredend war er Vollmitglied im Marylebone Cricket Club, der sich ganz unbescheiden „The Home of Cricket“ auf seine Fahne geschrieben hatte. Und nochmehr wurmte ihn, daß die Königin diesen Mann offensichtlich mehr schätzte als seinen Gegenspieler, Filth‘ Golffreund aus dem Hampstead Golf Club, Edward Heath.

    Etwas übellaunig verstaute Filth die von Kim zusammengestellten Unterlagen in seinem etwas abgeschabten, cognacfarbenen Aktenkoffer, befüllte seinen Füllhalter sicherheitshalber nochmals mit grüner Tinte und griff sich die stets für solche Fälle gepackte Reisetasche, die im Garderobenschrank seines Büros stand.

    Als Kim fragte, ob sie Lady Armanda über seine ungeplante Reise in die Heimat informieren solle, verneinte er nachdrücklich und sagte, daß er das vom Flughafen aus selber machen würde – Kim lächelte wissend.

    Vor dem Gebäude wartete Filth‘ Dienstwagen auf ihn, er mochte den alten Daimler Conquest, den er – wie seinen Chauffeur – von seinem Vorgänger übernommen hatte und weigerte sich jedesmal, wenn der Wagenmeister den Wagen ausmustern wollte, standhaft, sich einen neuen Dienstwagen auszusuche, schließlich fuhr Lillibet auch vorwiegend einen Daimler und die Alternativen erschienen ihm zu mittelständisch oder zu neureich oder sogar beides.

    Donald öffnete ihm mit leicht gequältem Gesichtsausdruck die linke, hintere Tür, er hatte es im Rücken und war nicht weniger altersschwach als der Daimler, „You’re not looking too happy to travel back home, don’t you?“ fragte er verschmitzt lächelnd, Filth antwortete mit einem geknurrten „Indeeeed!“, setzte sich in den Fond und schwieg fortan.

    Filth‘ Laune verbesserte sich allerdings schlagartig, als er im „The Royal Hong Kong Gouvernmentel Terminal“, einem Nebengebäude des Flughafens Kai Tak, kurz im das den Mitgliedern der Regierung zur Verfügung stehende Büro ein Ferngespräch nach Plymouth anmelden ließ und wenige Sekunden später die whisky- und rauchgegerbte Stmme von Pauline erklang, „…couldn’t you call me a day earlier next time, baby? Naturally I have time for you, Old Filth, but do me a favour, don’t take a bath in this strange Floris No. 89 Aftershave this time before you enter my flat, Filthy! See you tomorroy evening, baby!“ hauchte sie mit ihrem herrlich vulgären Cockney-Accent ins Telephon.

    Lächelnd verlies Filth das Office und bestieg die 1. Klasse der BOAC-Maschine nach London, löste seine Krawatte und lies sich einen doppelkten Scotch servieren, schließlich lagen mehr als 14 Stunden Flug vor ihm.

    Um 10.30 Uhr landete das Flugzeug pünktlich in Heathrow, er wurde von einem Wagen an der Gangway abgeholt und zum Gouvernmental Terminal gefahren, er hatte ebenso schlecht geschlafen wie gefrühstückt und die Aussicht auf eine Unterredung mit Harold und dem fürchterlich ehrgeizigen Justizminister tat ein übriges dazu, seinen Gesichtsausdruck weiter zu verfinstern.

    Er duschte, rasierte sich, zug eines der frisch gebügelten Turnball & Asser-Hemden aus der Reisetasche und wählte dazu eine schlichte, dunkelblaue Strickkrawatte, der Labour-Premier guckte immer so indigniert, wenn er eine von Filth‘ geliebten Hermès-Krawatten sah.

    Dann lies er sich die Schlüssel zu seinem Wagen aushändigen, als Kronanwalt hatte er das Privileg, in der Wagenhalle der Regierung in Heathrow zu parken, solange er im Ausland weilte. Mit einem diskreten Trinkgeld für den Wagenmeister sorgte er dafür, daß der Wagen grundsätzlich frisch gewaschen und aufgetankt für ihn bereit stand, als er sein Daimler Double Six Coupé in Regal-Red so da stehen sah, verbesserte sich seine Laune schlagartig.

    Er hatte das Coupé im vergangenen Jahr gekauft, nachdem sein alter Daimler Sovereign 420 durch einen überambitionierten Lieferwagenfahrer nachhaltig kaltverformt wurde, als er im Londoner Berufsverkehr davon ausging, daß man für einen Kronanwalt auch bremsen würde, wenn dieser die Lichtzeichenanlage weitgehend ignoriert…

    Zügig lenkte er das schöne Coupé in Richtung Westminster, je schneller er den Termin mit Harold hinter sich bringen würde, umso besser, schließlich hatte er ja noch eine längere Fahrt nach Plymouth vor sich. Als er Downing Street No. 10 erreicht hatte, öffnete der Officer sofort die Schranke, als er Old Filth in seinem Daimler erkannte.

    In Harolds Dienstzimmer stand wie immer die Luft, der Premierminister rauchte als soziales Distinktionsmerkmal immer diese albernen Pfeifen, weil er Cigarren für zu Upper Class hielt, allerdings war er wider Erwarten in aufgeräumter Stimmung, bei der streng vertraulichen Besprechung ging es vorwiegend darum, daß Harold die Kronkolonie besuchen wollte und dabei auch der Justiz der Krone einen Besuch abstatten wollte. Filth lächelte in sich hinein, denn er wußte schon, daß Lillibet und Philipp mit der Britannia nach Asien fahren wollten und Harold den Besuch vorzubereiten hatte…

    Nach knapp zwei Stunden, einer Kanne dünnen Darjeelings und ein paar trockenen Shortbreads reichte man sich die Hände, versicherte sich seiner Wertschätzung und trennte sich, Harold rief noch „…and don’t forget to send my warmest regards to Lady Armanda!“, als Filth schon halb aus dem Zimmer raus war.

    Um kurz nach Drei bestieg Old Filth seinen Daimler und pfiff leise „Here comes the Sun“, als er den Wagen durch den Feierabendverkehr Richtung Südwesten aus der Stadt herauslenkte, nach weniger als drei Stunden erreichte er den Hafen von Plymouth, Sutton Harbour, vorher hielt er noch kurz an einem Blumenladen an und erwarb einen Strauß Lilien, die er im Kofferraum des Coupés verstaute.

    Das „Captain Cook“ an der Vauxhall Street hatte er vor einiger Zeit kennen gelernt, als Edward Heath ihn genötigt hatte, mit ihm einen Segeltörn auf seiner Yacht mit dem pseudopoetischen Namen „Morning Cloud“ zu unternehmen, er haßte den Segelsport und alles, was dazu gehörte, was war er froh gewesen, als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte und Edward und sein Patensohn mit dem doch arg mittelständischen Rover um die Ecke verschwunden war.

    Filth sah das warme Licht aus dem Pub herausscheinen, er beschloß, daß er nach dieser seemännischen Großtat etwas Entspannung und einen doppelten Scotch bräuchte. Beides fand er im „Captain Cook“, und noch mehr: Er fand auch Pauline.

    Pauline hatte das Pub von ihrem Vater geerbt, als dieser bei einem Angelausflug bedauerlicherweise über Bord ging, man fand das Boot ein paar Tage später, inklusive seines Fangs und dreier leerer Flaschen Scotch.

    Pauline trauerte kurz und ehrlich und beschloß dann, nicht wieder zurück nach Poona zu gehen, den bewußtseinserweiternden Substanzen weitestgehend abzuschwören, den Hinduismus zugunsten der Anglikanischen Kirche in den Hintergrund zu rücken und das Pub ihres Vaters zu einer neuen Blüte zu führen!

    Sie war immer offen für ihre Gäste und trank gerne einen Scotch mit, ihr deftiger Humor, ihr kehliges Lachen, ihre perfekt gerollten Joints und ihre durchaus auch in ihrem Alter noch erkennbare Attraktivität und Aktivität zogen Männer aller Gesellschaftschichten an, zudem waren die Fish & Chips mit Malzessig ausgezeichnet und das Pub prosperierte zusehends.

    Als Old Filth in seinen albernen Segelklamotten in das „Captain Cook“ kam und seinen doppelten Scotch bestellte, trafen sich ihre Blicke, Westend-Boy meets Eastend-Girl, man trank mehrere Whiskeys zusammen und sie machte sich unablässig über seinen Oxbridge-Accent lustig, während er in ihr nicht weiter bemerkenswertes Décollté starrte, irgendwann flüsterte sie ihm halblaut „Don’t just stare on my tits, grab them!“ ins Ohr und zog ihn durch die Küche des Captain Cook in den Hinterhof und von dort ins Treppenhaus, sie bewohnte die Wohnung über dem Pub und Filth erkannte, daß er, wie alle kultivierten Männer, einen Hang nach unten hat!

    Die folgenden zwei Tage eröffneten Filth eine gänzlich neue Welt, fernmündlich bat er Edward, über das Radiotelephon der „Morning Cloud“ Lady Armanda erklären zu lassen, daß der Segeltörn etwas länger dauern würde, wegen der widrigen Wetterverhälnisse…

    Fortan trafen sich Pauline und er öfters, sie teilten die Leidenschaft für Scotch, Cigarren und einiges mehr, was die Diskretion mir verbietet, hier zu schildern, entsprechend guter Laune war Filth, als er den Daimler in den Hinterhof des „Captin Cook“ lenkte, den Lilienstrauß aus dem Kofferraum fischte und sich durch die Küche in das vollbesetzte Pub durchkämpfte.

    „Oh Gosh, Old Filth, what a fucking pleasure to see you!“ rief Pauline mit ihrer tiefen Stimme quer durch das Pub, „You can’t imagine how much my hungry body and I missed your abilities!“ Vorfreudig und erwartungsvoll stand Old Filth neben dem Tresen, den Lilienstrauß in der Hand und die Harold-Wilson-Strickkrawatte um den Hals.

    Er suchte noch nach einer passenden, seiner angeborenen Würde als Kronanwalt nicht zu sehr entgegenstehenden Antwort. Er würde diese Antwort nicht mehr geben.

    Stattdessen wurde sein Mund trocken, sein Hals zugeschnürt und seine Knie sehr weich.

    An dem Zweiertisch am Fenster des Captain Cook saßen zwei Personen, ein gutaussehender junger Mann in weißen Hosen, einem hellblauen Hemd und einem affig über die Schultern gebundenen Sweater mit dem Wappen eines „Norddeutschen Regatta Vereins“ und eine attraktive, blonde Mittvierzigerin in einem Cricket-Pullover des Marylebone Cricket Clubs und Segelschuhen… Spöttisch schaute sie ihn an, als sie mit dieser unerträglichen Attitüde des wirklich alten Geldes fragte „What a surprise, honey, you have abilities on other fields than jurisprudence?“

    Indiskrete Grüße, Hugo.

    „Also, ich mußte wieder auf ein paar Tage nach Bodenwerder. Meine Mutter wollte mich dringend sprechen. Sie hatte angerufen, ich solle doch bitte mal rasch kommen, es war ganz unheimlich gewesen am Telefon.“

    #18869
    Avatar-FotoMax
    Teilnehmer

    Eigentlich wollte ich in der Mittagspause hier „nur mal eben“ vorbeischauen, doch Ihre Geschichten haben mich aufgehalten. Famos!

     

    Dankbare und jetzt weiter arbeitende Grüße

    Max

    Nimmt mich jemand mit nach Bodenwerder? Dort soll es schön sein.

    #18876
    Avatar-Fotohugoservatius
    Administrator

    An dem Zweiertisch am Fenster des Captain Cook saßen zwei Personen, ein gutaussehender junger Mann in weißen Hosen, einem hellblauen Hemd und einem affig über die Schultern gebundenen Sweater mit dem Wappen eines „Norddeutschen Regatta Vereins“ und eine attraktive, blonde Mittvierzigerin in einem Cricket-Pullover des Marylebone Cricket Clubs und Segelschuhen… Spöttisch schaute sie ihn an, als sie mit dieser unerträglichen Attitüde des wirklich alten Geldes fragte „What a surprise, honey, you have abilities on other fields than jurisprudence?“

    Es bewegte sich wirklich gar nichts. Filth versuchte, sich im Griff zu behalten, nicht, wie er es in Hong Kong getan hätte, seinen Chauffeur anzuweisen, die Flagge der Krone am vorderen Kotflügel zu befestigen und über den Gehsteig aus dem Taffic-Jam auszubrechen, nein, er versuchte wirklich, sich im Griff zu behalten!

    Da stand er nun, Doktor der Jurispudenz, Absolvent des Corpus Christi Colleges in Cambridge, Anwalt der Britischen Krone, Mitglied in den besten Clubs des Landes, Sohn von Sir Edward Skepswich, Erbe eines mittelkleinen Vermögens und Anwärter auf einen Sitz im House of Lords, in einem kanariengelben Plastiksportwagen und betete, daß sich dieser verfluchte Stau in diesem verfluchten Plymouth endlich auflösen würde!

    Nichts bewegte sich. Er schwitzte. Er war eilig, ernsthaft eilig. Er mußte auf die Isle of Cowes. Jetzt. Sofort. Er mußte Armanda sprechen, er mußte diesen überheblichen Schnösel eliminieren und er mußte sein Leben wieder in den Griff bekommen.

    Vor Jahren schon hatte er das Rauchen aufgegeben, er fand, daß Cigarettenrauch so furchtbar nach Working Class riechen würde, so wie es in den Treppenhäusern im East End immer nach zu scharf gebratenem Kohl und Bier roch, dieser furchtbare Geruch der Armut.

    Jetzt war er froh, im Handschuhfach des Reliant ein angebrochenes Päckchen billiger, Amerikanischer Cigaretten zu finden, mit seinem silbernen Dunhill-Feuerzeug, was er grundsätzlich dabei hatte, um gegebenenfalls einer Dame Feuer geben zu können, schließlich wußte man ja nie, zündete er sich eine Cigarette an und inhalierte den Rauch gierig, der Tabak schmekte schrecklich, aber das Gift beruhigte seine Nerven ein wenig.

    Er versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Er fühlte sich so unfaßbar bloßgestellt, gestern Abend im „Captain Cook“, mit der dummen Krawatte, seinem lüsternen Blick auf Pauline und dem billigen Lilienstrauß in der Hand, alle Gäste des Pubs starrten ihn an, nachdem Armanda ihn lächerlich gemacht hatte, ihr junger Begleiter zog ein Bündel Geldscheine aus der Hosentasche und legte großkotzig einen 50-Pfund-Schein auf den Tisch, lächelte ihn, Old Filth, spöttisch an, legte seinen Arm um Armandas schlanke Hüfte und sagte mit einem aufgesetzten Oxbridge-Accend „I suppose it’s better to leave this place now…“, als er ihr die Tür ins Freie öffnete. Filth wollte hinterherstürzen, um den Schnösel zu erschlagen, aber sein Körper gehorchte ihm nicht, er stand zur Salzsäule erstarrt neben dem Tresen und bekam kein Wort heraus.

    Die Nacht hatte er im „The Kings Arms Hotel“ verbracht, er konnte und wollte nicht bei Pauline bleiben, er mußte versuchen, sich zu sortieren, seine Sicherheit und Würde wieder zu finden, zu entscheiden, wie er weiter vorgehen sollte. Natürlich hatte er kein Auge zu getan in dieser Nacht und als er endlich im Morgengrauen in einen leichten, unruhigen Schlaf gefallen war, wurde er durch den blechernen Lärm eines Volkswagens geweckt, dieser widerliche, grüne KdF-Wagen, the „Hitlers Car“, wie er die Karren immer nannte, neben dem er gestern Nacht vor dem Hotel eingeparkt hatte, fuhr langsam die nebelfeuchte Straße weg vom Hafen.

    Joe, Paulines „Barkeeper“, ein großer, grober, tätowierter früherer Seemann mit einem erheblichen Alkoholproblem, hatte mitgehört, wie Armanda und der Schnösel darüber sprachen, ob sie auf dem Weg nach Cowes noch einen Zwischenstop in Bournemouth einlegen wollten, um dort zu lunchen, oder ob sie direkt durchfahren würden, um den Tee dann im RORC zu nehmen. So wußte er immerhin, wo er Armanda antreffen könnte.

    Im Morgengrauen stand er auf, rasierte sich, duschte, entsorgte die Strickkrawatte in den schmuddeligen Papierkorb seines Hotelzimmers und zog ein frisches Hemd an, dann frühstückte er und begab sich auf direktem Weg zu J.P. Hines Country Outfitters, um sich ein dunkelblaues Jackett zu kaufen, schließlich wollte er nicht in seinem staatstragenden, dunkelgrauen Maßanzug von Huntsman im Zentrum des Segelsports auftauchen. Dazu kaufte er sich noch zwei hellblaue Hemden mit geknöpftem Kragen, eigentlich verabscheute er solche Amerikanischen Modeexzesse. aber offensichtlich stand Armanda ja neuerdings auf solchen Unsinn.

    Seine Einkäufe und seine Reisetasche warf er in den Kofferraum des Daimlers, setzte sich hinter das Lenkrad, drehte den Zündschlüssel und es tat sich: Nichts!

    Die Benzinpumpen surrten, es gingen alle möglichen bunten Lichter im Armaturenbrett an, der Motor blieb totenstill. Filth wurde die Lächerlichkeit seiner Situation so richtig bewußt, als er die Motorhaube geöffnet hatte und ratlos das unendliche Gewirr aus Schläuchen, Leitungen und Kabeln betrachtete, was über den mächtigen Zwölfzylinder verteilt war, er hatte noch nie die Motorhaube eines Autos geöffnet und starrte verzweifelt in das Chaos. Wahrscheinlich würde er die Haube gar nicht wieder zu bekommen, geschweige denn, daß er, Kronanwalt und Doktor der Jurisprudenz, je überhaupt irgendeinen Defekt in dieser mechanischen Hölle erkennen oder gar beheben könnte.

    Er schwitzte. Ihm war übel. Er brauchte einen Wagen. Jetzt.

    Also ein weiterer Gang nach Canossa, er ging zurück in sein Hotel und wählte mit zittrigen Händen Paulines Nummer, nach endlosem Klingeln hörte er ihre rauchige Stimme, „who the fuck is calling me in the middle of the night???“ blaffte sie in das Telephon, mit unsicherer Stimme schilderte er ihr seine Situation und bat sie um ihren Wagen und tatsächlich bog eine Viertelstunde später der gelbe Scimitar um die Ecke, am Steuer Pauline, mit nachlässig zusammengebundenen Haaren, barfuß, der zu rote Nagellack an den beiden großen Zehen war etwas abgeblättert, in einer Trainingshose, einem zerknitterten T-Shirt, eine Cigarette zwischen den ungeschminkten Lippen und nicht unbedingt bester Laune.

    Wie hatte er nur seine wunderschöne, feine und stets leicht gebräunte Armanda mit dieser Unterklassefrau betrügen können, schoß es ihm durch den Kopf, er verdrängte diese Gedanken aber sofort wieder, schließlich war er absurderweise auf Paulines Hilfe angewiesen, um seine Ehe zu retten.

    Pauline sah es offensichtlich genauso, mit unverholenem Spott drückte sie ihm die Wagenschlüssel in die Hand und sagte „good luck, Filthy, you musn’t come back but the car should come back soon, ok?“. Er warf sein Gepäck in den Kofferraum, ließ sich in den Fahrersitz fallen, startete den Motor und fuhr grußlos davon, Pauline hatte eigentlich damit gerechnet, daß er sie eben nach Hause zurück fahren würde und zischte nur ein leises „Fuck you, Filth!“ durch die Lippen, als der Reliant mit quitschenden Reifen in die Hauptstraße einbog.

    Als sie ihre Cigarette auf dem Kofferraumdeckel des dunkelroten Coupés ausdrückte, fielen ihr die rohen Kartoffeln auf, die in den beiden Auspuffrohren des Daimlers steckten…

    Mit auf die weitere Entwicklung gespannten Grüßen, Hugo.

    „Also, ich mußte wieder auf ein paar Tage nach Bodenwerder. Meine Mutter wollte mich dringend sprechen. Sie hatte angerufen, ich solle doch bitte mal rasch kommen, es war ganz unheimlich gewesen am Telefon.“

    #18877
    Avatar-FotoRoland
    Teilnehmer

    Das Tempo steht im Einklang mit Giacomo Carissimis Magnificat. Mitsummend fährt Klaus Reymann in der Dämmerung am Unterer Wert genannten Quartier seiner eigentlichen Heimatstadt entlang. Lange Zeit war dies eine Brachfläche. Zwischenzeitlich haben sich gleissseitig verschiedene Betriebe angesiedelt. Untergegangene Marken wie Tengelmann stehen unter Beleuchtung. Zum Fluss hin reihen sich schmucklose, aber aufwändig angeschmierte Arbeiterhäuser. Nach Auto-Teile-Unger setzt er den Blinker zu Rolands Grill. Wie als Eröffnungsbeleg für seine Doppelstandards ordert er, als ausgewiesener Veganer, Hamburger und Pommes frites. Er schließt die Augen und flüstert in dem, was er für Oxford English hält, die Bestellung. Er fährt einen halben Bogen um den Roland Grill und an der Ausgabe tritt der gewünschte Effekt ein: “Your hamburgers, Sir”. Unter seiner Pelerine trägt Reymann Smoking. Vor dem Zubringer zu der possierlichen Kleinstadtautobahn liegt die Anlage des Eisenbahner-Sportvereins. Nachdem die katholische Kirchengemeinde Neustadt-Niederungen ihr Grundstück, das vormals gemietet worden war,  an die Roland-Grill-Systemgastronomiegesellschaft mbH veräußerte war nur noch Platz für ein Fussballtor gewesen, das so jämmerlich da steht, dass es mehr einem Galgen gleicht. Der Heim genannten Vereinsbaracke wiederum steckt wie ein Schalldämpfer eine Kegelbahn an. Ob es reizvoll wäre, diesen Laden einmal aufzumischen?

    Klaus Reymann lässt die Auffahrt links liegen und bleibt auf dem Unterer Wert, der im weiteren Verlauf die Bismarckstraße bildet. Er weiß, dass an der Benennung niemals gerüttelt werden wird. Wie es allerdings um die Zukunft der Güterabfertigung bestellt ist, bleibt offen. In erster Linie waren es die sich gleichenden, geradezu sortenreinen, Nutten, die ihm missfielen. Harmonische Abhilfe wird die Installierung des Gauweilerschen 7er BMW schaffen. Wobei der doch am anderen Ufer ansässig sein soll? Egal, Klaus macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Und so rauscht aus dem linksseitigen Neustädter Tunnel eine elfenbein-purpurrote Elektrolokomotive 103 mit erhabenem schwarzem DB-Logo an der Stirnseite, die als längst ausgemustert gilt. Es ist der rein erstklassige Fernschnellzug Rheingold auf dem Weg nach Basel (Centralbahnhof).

    Mit der berechtigten Arroganz eines Immobilienentwicklers wird er den Pilzkiosk am Bahnhof schon bald eliminieren. Er setzt den offenen Wagen über die Bismarckbrücke, die im Volksmund durchweg Trillerbrücke genannt wird, über zum vornehmeren, und auf der Anhöhe vornehmsten, Teil des Städtchens. Logischerweise müsste es neben dem Unterer Wert auch einen Oberer Wert geben, die Namensherkunft des früheren Gewanns muss aber erst noch erfunden werden. Zur Hangseite reihen sich Gründerzeitvillen mit bräunlich-roten Ziegelfassaden und runden Türmchen und Giebeln. Zum Triller hin zunächst Institutsgebäude und später Tennisplätze, die sich bei schlechter Laune fluten lassen, sowie das Bootshaus des Neustadt und Germania Ruder Clubs. Das Highlight der Neustädter Riviera bietet ein kleiner Schleichweg, von Kennern Weinstraße genannt, hoch zur Beletage des Rienzis. Im Berg befindet sich übrigens ein Ringlokschuppen samt Drehscheibe mit seinen geliebten Diesellokomotiven. Es wird aber noch phantastischer, so dass Reymann geschwindigkeitsverringernd in den Schellenkönig einbiegt. Sein Rindsrouladen-Refugium vor dem alten Bismarckturm ist hell erleuchtet.  Im Kerzenschein erkennt er durch die Fenster seine bezaubernd schöne Isabella umrahmt von Senta, Isolde und Kundry im feierlichen Ornat. Abseits die Gemahle, die Old Chaps, wahrscheinlich hohe und höchste Ministerialbeamte im Bahnwesen. In jedem Fall die Honoratioren von Neustadt.

    Die Autotür fällt ins Schloss und erzeugt einen vollendeten Klang wie “Hallertau”. Perfekt aufgegleiste Provinz, die er nach außen hin so sehr verachtet und der er nun das Licht abdreht. Er nimmt die lederne Bundesbahn-Lokführer-Schirmmütze, von der Uniformmützenfabrik Albert Kempf, die er hier, wo er gänzlich frei von Kitschvorwürfen schalten und walten kann, vom Kopf und hängt sie neben die feuerrote SBB – CFF – FFS Bahnhofinspektoren-Mütze, die ihm ein lieber Freund aus dem RailwayPassion-Forum schenkte.

    Er schleicht aus der Kammer und schiebt die Regaltüre, die einen Suhrkampschen Regenbogen fasst, der von Gattin und Gören erwiesenermaßen missachtet wird, sachte zu. Reymann greift nach einer Flasche Côtes du Rhône aus dem Südfranzösische-Refugien-Sonderedition-Paket der Süddeutschen Zeitung. Derweil lädt Weinhändler Wilhelm Köster in Neustadt stoisch eine Holzkiste, eines jahrgangslosen „Fragile“, auf seinen samosbeigen Pritschenlader. Leise imitiert er das großartige Knattern des voluminösen Viertakters, um sich dann bei einer trockenen Mundspülung dem Klangreichtum seiner Anlage zu entsagen.

    Seine Prada America’s Cup Sneaker tragen ihn noch ins Erdgeschoss. “Wo warst du denn so lange, Claus?“ fragt Imke skeptisch. Wie hätte er denn das Eintreffen der Gäste via Elektroauto hören sollen?! Er gibt vor, in Bernhards “Der Ignorant und der Wahnsinnige“ nachgeschlagen zu haben. Einer der Schnorrerfreunde entreißt dem Intendanten die Weinflasche und bei Kichererbsengulasch und Avocado Gnocchi (eher Knödel) wird man sich zur Zugehörigkeit zum Zeitgeist gratulieren. Endstation: Arvo Pärt …

    • Diese Antwort wurde geändert vor 9 Monaten, 2 Wochen von Avatar-FotoRoland.
    #18880
    Avatar-FotoRoland
    Teilnehmer

    PS: Dienstfertige Grüße!

    #18881
    Avatar-FotoSan Remo
    Administrator

    Gibt es nun zwei Literaten hier und kann es sein, lieber Herr Roland, dass Sie mit Ihrem Protagonisten in der Welt der Modelleiesenbahnen leben, übrigens, ein gewisser Herr  Seehofer ja auch? Da ich selber über viele Jahre diesem Interesse gfrönt habe, kann ich sogar ein wenig das Abtauchen in eine solche Welt nachvollziehen, war ich doch an vielen Abenden mit dem Erschaffen einer ganz eigenen, etwas anderen Welt beschäftigt.

    Bitte bleiben Sie dran und lassen Sie uns am Werdegang von Klaus Reymann teilhaben. Ach, einen Pilzkiosk hatte ich auch auf meiner Märklin HO Anlage, mit Zeitschriften Ständer!

    Auch Herr Servatius zeigte uns weiter wie so ein Sittenbild der sechziger Jahre im Empire ausgesehen haben könnte und ich muss sagen, hier geht es ja Schlag, auf Schlag weiter und dieser junge Schnösel aus einer Elbestadt scheint ja auch mit allen Wassern gewaschen zu sein. Ich muss einmal nachschauen, irgendwo sollte noch ein Bild eines KDF ähnlichen Wagens rumliegen, welcher wiederum einem entfernten  Bekannten von mir aus der derzeitigen Bundeshauptstadt gehört.

    Fortsetzungsaffine Grüße   San Remo

     

    So lange ich hier was zu sagen habe, wird es kein Formel 1 Rennen in Bodenwerder geben! Bernie Ecclestone NZZ vom 24.07.2020

    #18892
    JaHaHe
    Teilnehmer

    Teilweise fragen sich die Leser ja, was eigentlich passiert hinter den hohen Hecken, in den Häusern mit den schweren Türen und in den Autos die man nur aus der Zeitschrift kennt. Insbesondere Bentleypiloten sollen es ja faustdick hinter den Ohren haben…

    Albert Schurda war ein angesehener Verleger aus dem malerischen Badner Land. Sein Leben hatte er stets der Literatur, der Künste und dem Tennis gewidmet, und seine Buchhandlungen und Zeitschriften waren in der gesamten Region und darüber hinaus bekannt. Doch trotz seines beruflichen Erfolgs gab es in seinem Leben einen langgehegten Traum – einen Traum von Luxus und Freiheit.

    Seit Jahren hatte Albert hart gearbeitet und jeden Pfennig gespart. Er träumte von einem Auto, das nicht nur ein Fortbewegungsmittel war, sondern ein Symbol für seinen erreichten Erfolg. Eines Tages, nach einem besonders erfolgreichen Verlagsprojekt, beschloss er, sich seinen Traum zu erfüllen. Er würde sich einen Bentley kaufen, ein Auto, das Eleganz und Prestige verkörperte.

    Nach einer aufregenden Fahrt zum Bentley-Händler in Straßburg stand er schließlich vor seinem Traumauto. Ein glänzend schwarzer Bentley, der in der Sonne funkelte und ihn förmlich anzustrahlen schien. Albert konnte sein Glück kaum fassen, als er das Auto kaufte und sich hinter das Steuer setzte. Er fühlte sich wie ein König auf Rädern, frei und mächtig zugleich.

    Mit seinem neuen Bentley erkundete Albert die Straßen von Straßburg. Er genoss die bewundernden Blicke der Passanten und die Bewunderung in den Augen derer, die sein Auto sahen. Doch bald merkte er, dass sein Bentley ihm nicht nur die Bewunderung anderer Menschen brachte, sondern auch neue Abenteuer und Begegnungen.

    Eines Abends, als er sein Auto in der Nähe des Straßburger Münsters parkte, wurde er von einem charmanten jungen Mann angesprochen. Sein Name war Lucien, und er war ein Straßburger Einheimischer. Lucien bewunderte nicht nur den Bentley, sondern auch Albert selbst. Die beiden begannen ein Gespräch und schnell wurde klar, dass sie eine besondere Verbindung hatten.

    Albert und Lucien verbrachten die nächsten Tage zusammen und erkundeten die Stadt in Alberts luxuriösem Auto. Sie lachten, erzählten sich Geschichten und genossen die Freiheit, die ihnen der Bentley bot. Doch bald entwickelte sich ihre Beziehung zu etwas Tieferem. Albert erkannte, dass er sich zu Lucien hingezogen fühlte, mehr, als er es je zuvor für möglich gehalten hatte.

    In Straßburg, einer Stadt, die für ihre Toleranz und Offenheit bekannt war, wagten Albert und Lucien schließlich den Schritt, ihre Gefühle füreinander zu leben. Sie verbrachten leidenschaftliche Nächte zusammen, die von Liebe, Freiheit und Abenteuer geprägt waren.

    Alberts Bentley wurde zu ihrem Symbol der Liebe. Sie fuhren gemeinsam durch die malerischen Straßen von Straßburg, Hand in Hand, und genossen jede Minute ihrer gemeinsamen Zeit. Albert hatte nicht nur seinen Traum von Luxus erfüllt, sondern auch seinen Traum von Liebe und Freiheit gefunden.

    Die Geschichte von Albert Schurda und Lucien wurde zu einer Legende in Straßburg, einer Stadt, die die Liebe in all ihren Formen feierte. Und in ihrem glänzenden schwarzen Bentley fuhren sie weiterhin gemeinsam durch die Straßen, bereit für jedes Abenteuer, das das Leben ihnen bot.

    Offene Offenburg Grüße,

    J.

    "Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke und von Bodenwerder träume"

    #18948
    Avatar-Fotohugoservatius
    Administrator

    Joe, Paulines „Barkeeper“, ein großer, grober, tätowierter früherer Seemann mit einem erheblichen Alkoholproblem, hatte mitgehört, wie Armanda und der Schnösel darüber sprachen, ob sie auf dem Weg nach Cowes noch einen Zwischenstop in Bournemouth einlegen wollten, um dort zu lunchen, oder ob sie direkt durchfahren würden, um den Tee dann im RORC zu nehmen. So wußte er immerhin, wo er Armanda antreffen könnte.

    Edward war hocherfreut, als Janet, seine altgediente Vorzimmerdame, ihn fragte, ob sie den Anruf von Lady Skepswich durchstellen dürfe.

    Er mochte die Frau seines alten Golffreundes William, den alle Welt nur „Old Filth“ nannte, sehr, eigentlich machte er sich ja nichts aus Frauen, aber Armanda übte einen wirklich besonderen Reiz auf ihn aus, was vor allem an ihrer Ausstrahlung lag, die geprägt war durch ihre enorme Bildung, sie hatte am Corpus Christi Kunstgeschichte, Philosophie und Mathematik studiert, eine dermaßen absurde Kombination, vor allem, wenn sie anfing, über die philosophischen Aspekte der höheren Mathematik zu sprechen. In Kombination mit ihrer nie offensichtlichen, aber stets zu spürenden Herkunft, ihrem etwas spröden Charme und ihrer traumwandlerischen Geschmackssicherheit verwunderte ihn dieser Aspekt angesichts der Tatsache, daß sie eine sehr attraktive Vertreterin dieses ihm ansonsten wenig reizvoll erscheinenden Geschlechts war, umso mehr. Und daß sie in absehbarer Zukunft Erbin eines wirklich erheblichen Vermögens sein werde, tat ihrer Anziehungskraft ebenfalls keinen Abbruch…

    Wurde er auf die Tatsache angesprochen, daß er ja unverheiratet sei, pflegte er gerne zu antworten, daß Armanda Skepswich ja schon vergeben sei und er sich deshalb mit seiner ganzen Kraft der Rettung des Vereingten Königreiches vor der Labour Party, den Gewerkschaften und den Antimonarchisten widmen würde.

    „Armanda, what a pleasure to hear your voice! Have you decided to leave Old Filth and to become the next First Lady of our country – ähh – what I wanted to say: Are you open to marry me as soon as possible?!“

    „Not yet, Ted, not yet! But I would indeed appreciate to meet you as soon as possible, my dear friend! For example next weekend, are you going to cross the seven seas on Saturday or Sunday abord of your „Morning Cloud“?

    „Not the seven seas, my dear, but indeed I plan to do some sail-training with my godson Christopher and one other of Morning Clouds crew, Nigel, on the Solent. Why do you ask, I always thought that sailing would not be one of your favorite activities!“

    „Well, Ted, as you know, I’m open minded… The company is always important for such activities and I think that you will understand me as soon as you learn to know the chap with whom I spent some time not only on the water in the last few weeks. He is a keen yachtsman, a charming guy, a cultivated collocutor and, by the way, a phenomenal inamorato…“

    „Armanda!!! Inamorato??? Does Filth know about him? Does your father know about him? Do you know anything about him? Quetions over questions, where are you now, I will come immediately to see you to get some important answers!!!“

    „At the moment I am in London, but we are going to travel to Plymouth on Thursday and we would love to meet you in Cowes on Saturday for a little trip with Morning Cloud if you would like too, Ted.“

    „For sure, I would love to meet you and perhaps also your company, but what’s about William??? Does he stay in Hong Kong to save the justice of the Colonies while you are messing around England with other guys?“

    „William has Kim, his really charming „assistant“ and, I’m sure, some other girls here and there, when he crashed his Daimler last year in London it costed him a fortune to stop the newspapers to write about the young lady on the passenger seat indeed. Dickie Mountbatton told me about his efforts to contact the chief editor of the Sun because Filth didn’t want to speak to Murdoch, it was under his dignity, he told Dickie, can you imagine?“

    „Well, I can imagine and on the other hand, I can understand him. Rupert really is horrible, I can tell you. But nevertheless, I’m – sad enough – not your husband, I’m – luckily – not Filth‘ groomsman, I would – indeed – love to marry you but if you prefere to spend your time with some keen yachtsman instead of the next Prime Minister of the United Kingdom, fair enough, I am discreet and it will be a pleasure for me to meet you and this chap in the RORC on Saturday at noon! Let’s hope that Filth has a lot of work in Hong Kong at the moment… See you on Saturday, my dear Armanda, I’m looking forward to spend some time with you, perhaps it will be possible to return to London only as recently as Tuesday.“

    „Ted, you are wonderful, see you on Saturday on the terrace of the RORC! Thank you so much!“

    „Ähh – Armanda, just one question: Where did you meet this keen yachtsman, in the Royal Society of Arts, at a dinner in the Tate or in Ascot?“

    „He also was invited for a dinner at Broadlands and was my dinner partner there, so charming, so amusing and – for a German – so cultivated, you can’t imagine but you will see!“

    „Oh Goodness! At Broadlands, is he a lover of Edwina or of the former Viceroy of India or perhaps of both of them???“

    „Neither nor, Ted, he’s just my lover. At the moment. He and Dickie met at Wappenbury, William Lyons gave a reception and he had picked up his fathers new Jaguar there and was spontanously invited. Have you ever seen Dickies lightblue Jaguar? Sometimes Dickie has a really strange taste… But, to reassure you, his car is green and he is really definitely not gay!“

    „So sad… – for Filth, I mean! See you on Saturday, Armanda!“

    „See you on Saturday, Ted!“

    Als Edward den schweren, schwarzen Hörer aufgelegt hatte, war er ebenso verwirrt wie neugierig. Armanda mit einem Deutschen Segler als Liebhaber! So etwas von absurd erschien ihm diese Vorstellung, nur die Tatsache, daß er die beiden zu einem Törn auf seine Yacht eingeladen hatte, erschien ihm noch absurder!

    Andererseits: Natürlich wußte er, daß William seine milden Minderwertigkeitskomplexe gegenüber seiner Frau, ihrer Bildung, ihrer Eleganz und auch ihrer Familie durch vielfältige Besuche in anderen Welten und Häusern zu kompensieren pflegte, als er vorletztes Jahr mit Filth segeln war, hatte sein Patensohn mitbekommen, daß Filth nach Beendigung des Törns in Plymouth in einer ziemlichen Spelunke der Wirtin verfallen war und Christopher darum gebeten hatte, Armanda von der Yacht aus anzurufen und mitzuteilen, daß der Törn wegen schlechten Wetters zwei Tage länger dauern würde, aber natürlich wahrte er auch in diesem Fall die Form und schwieg über seine durchaus ebenso interessanten wie nur bedingt unerwünschten Erkenntnisse. Aber eine kleine Notiz zu dem Thema machte er sich sicherheitshalber doch und legte sie in den Safe, zu den anderen Dossiers…

    Aber Filth und seine Liebschaften waren jetzt nicht wichtig, er mußte unbedingt gleich mit Dickie Mountbatten sprechen, er brannte vor Neugier. Wie üblich, erreichte er den früheren Vizekönig von Indien nicht zu Hause, sondern mußte ihn in seinem Wagen anrufen, Dickie war wirklich sehr exzentrisch, als früherer „Erster Seelord“ Ihrer Majestät bestand er darauf, ein Radiotelephon in seinem hellblauen Jaguar installiert zu bekommen!

    Zudem ließ er auf dem Dach eine Halterung befestigen, in die er wahlweise das Wappen des Königshauses, das des Vizekönigs von Indien oder das seiner Familie einsetzen konnte, solcherart Exzentritäten waren Edward Heath eigentlich zuwider.

    Aber das war jetzt egal, er mußte mit Dickie sprechen und freute sich, als er zwischen all dem Gekrächze und Geknacke der Funkverbindung seine leicht blasierte Stimme hörte, „Edward, I really thought you would call me earlier! I’m sure you want to know everything pertaining Armanda and this young German from me, don’t you? But I have to disappoint you for the moment, in this moment I am arriving at the Savage Club for an appointment with Charles, he again needs some advice his father can not give him, as always! I will call you back later!“

    Weiterhin aufzeichnende Grüße, Hugo.

    „Also, ich mußte wieder auf ein paar Tage nach Bodenwerder. Meine Mutter wollte mich dringend sprechen. Sie hatte angerufen, ich solle doch bitte mal rasch kommen, es war ganz unheimlich gewesen am Telefon.“

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