Willkommen bei ClassicPassion Foren ClassicPassion Forum In Treue fest? Oder ist die einzige Konstante die Veränderung? Antwort auf: In Treue fest? Oder ist die einzige Konstante die Veränderung?

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Herr 1960, bei Gebrauchsautos sehe ich es auch so, daß diese natürlich wechseln, vor allem, sobald sie ernstliche Probleme bereiten – das sage ich mir jedenfalls immer… Und der Übergang vom Gebrauchsauto zum besonderen Auto kann ja auch fließend sein, vor allem im Lauf der Zeit.

Mein Audi TT war so ein Fall, als Gebrauchsauto gekauft und dann sehr geliebt und entsprechend gepflegt, wurde er durch den Boxster ersetzt, schon bei der Abholung habe ich gemerkt, daß die Idee, den Porsche jedenfalls teilweise als Alltagsauto zu fahren, keine sinnvolle war, unter diesem Aspekt war auch das ziemlich teure Hardtop keine meiner besten Investitionen…  Aus diesem Grund wurde dann der Alfa 156 Sportwagon erworben, ein „vernünftiges“ Auto braucht man ja schließlich, bei näherer Beschäftigung mit „Bella“, wie wir sie getauft haben, wurde mir klar, daß es einen 156 in solch einem Zustand vermutlich nirgends mehr geben würde, bei salzigen Autobahnen wurde ich trotz neuer Winterreifen auf Originalfelgen wieder zu einem guten Kunden bei Sixt.

Ernsthaft als Gebrauchsautos werden bei uns eigentlich nur die Smarts für die Stadt und der Phaeton für weite Strecken genutzt, allerdings muß ich meiner lieben Frau den angemessen sorgsamen Umgang mit Saabine, ihrem Saab Cabrio, immer wieder aufs Neue in Erinnerung rufen, daß war schon bei dem von mir übernommenen Golf I Cabriolet, dem „Blauen Klaus“, so ähnlich, irgendwie pflegt sie unser Boot besser als unsere Autos…

Ein Sonderfall ist mein Peugeot 306, 1995 von meiner Mutter neu gekauft, als sie aus Rücksicht auf die Holsteinische Fauna und die Hamburgischen Vorschulkinder das Fahren aufgab, habe ich das Auto mit nach Berlin genommen, im Büro konnte es jeder fahren, Freunde liehen sich den Wagen auch gerne über längere Zeiträume aus, die schicken Alufelgen wurden mit Winterreifen bestückt, der Kilometerstand stieg in relativ kurzer Zeit von 25.000 auf 72.000 km, irgendwann kam der 156 in unsere Garage und wir waren uns einig, daß der Peugeot wirklich nicht mehr benötigt würde.

Und so wurde er verkauft, der Sohn einer Freundin meiner Frau schien sich sehr über die günstige Gelegenheit, einen top gepflegten Pininfarina-Entwurf mit feinsten Velours-Polstern, CD-radio und Aluminiumfelgen für sehr wenig Geld übernehmen zu dürfen, allerdings hatte ich mich etwas in ihm getäuscht – nach drei Jahren und 50.000 von ihm gefahrenen Kilometern rief seine Mutter an und berichtete, daß der Filius den Wagen verschrotten lassen wolle, da er völlig kaputt sei. Was alles kaputt war: Der TÜV war abgelaufen, der Auspuff im hinteren Bereich war abgerostet und abgerissen, die Lüftung war kaputt, die Antenne abgebrochen und es lief Wasser in den Innenraum, weil der Fuß der abgebrochenen Dachantenne locker war. Dadurch war der Frontscheibenrahmen leider von innen völlig verrostet. Ach ja, das Öl hatte er während der 50.000 km auch nie gewechselt.

Also holte ich das arme Auto an einem warmen Sommerabend in Hamburg Bergedorf bei einem Verbindungshaus ab, die jungen Herren in ihrer seltsamen Kostümierung schauten mich eher verwundert an, als der Fahrer meines Vaters mich im Phaeton dort absetzte und ich in Maßschuhen und Einstecktuch meine Ludwig-Reiter-Reisetasche auf die Rückbank beförderte und mit dem ziemlich laut röhrenden Auto die Fahrt nach Berlin antrat…

Dort kam der kleine Peugeot in die Werkstatt meines Vertrauens, die Volkswerkstatt – inoffizieller Werbeslogan: „Wir machen nüscht Wasserjekühltet!“ – die beiden Inhaber schauten mich mindestens so verwundert an wie die Corpsstudenten und riefen „Nee, det jlob‘ ick nich‘, det Auto war doch verkooft?!“, meiner Emphathie und Überzeugungskraft war geschuldet, daß sie sich des kleinen Autos annahmen – „Det machen wa aba nur für Dich – nee, für Deine vastorbene Mutter – det glaubt uns ja keena!“.

1.500 € und zahllose, aufmunternde Anrufe später war der Peugeot wieder fit und kam zu einem Aufbereiter, der schaute mich auch wieder etwas irritiert an und bat mich, den Wagen zeitnah abzuholen, da er zwischen den Lamborghinis und AMG’s der arabischen Clanfamilien, die den Hauptteil seiner Kundschaft auszumachen schienen, nicht sehr werbewirksam wäre.

Am meisten gerührt war mein Vater, dem die Tränen kamen, als er den kleinen Peugeot wieder auf der Auffahrt seines Hauses stehen sah und es war klar: Dieses Auto werden wir nicht mehr los! Und dann machte ich einen Fehler, das Auto einer lieben Freundin war zusammen gebrochen und ihr Mann, der seinen Tag mit der Verwaltung des ererbten Millionenvermögens verbringt, war zu geizig, seiner Frau – ich sage nur: Gütertrennung! – ein neues Auto zu kaufen, das erboste mich so sehr, daß ich ihr den Peugeot auslieh, für ein paar Wochen, bis ihr Mann zur Vernunft käme, dachte ich. Es wurde ein knappes Jahr daraus, N. gab mir das Auto im Bestzustand zurück, im Handschuhfach lagen drei Päckchen „Shepheard’s Hotel“ und auf dem Beifahrersitz ein wunderbares Buch über die Wiener Moderne. So weit, so gut.

Dann brauchte unser lieber Freund, Prof. F., ein Auto, um die langen Semesterferien im Familienanwesen an der Nordsee verbringen zu können und dort ein neues Buch zu schreiben, ich wollte dem Fortschritt der Wissenschaft nicht im Wege stehen und überließ ihm den Peugeot. Und wußte gar nicht, wie lange Deutsche Professoren Semesterferien haben… Drei Monate später bekam ich den Wagen zurück, einigermaßen frisch gewaschen, ansatzweise ausgesaugt, zerstreuter Professor halt, und mit einer hochinteressanten Biographie über Walter Gropius auf dem Beifahrersitz. Leider auch mit einer zwar nur auf den zweiten Blick, dann aber gut sichtbaren Beule auf  Beifahrerseite und einem mit der grünen Seite eines Spülschwamms geputzen Dach. Da die Roststellen am Scheibenrahmen nicht weniger wurden, die Scheibe schon seit Jahren in den Ecken delaminiert war und der TÜV abgelaufen war, habe ich den Radikalschnitt vorgenommen, neue Scheibe, Dach neu lackieren, Beulen entfernen, alle Roststellen entfernen, leider war auch noch ein neuer Wärmetauscher und eine neue Zylinderkopfdichtung notwendig, jetzt ist das kleine Auto wieder in perfektem Zustand und wird – richtig! – in Zukunft weder verkauft noch verliehen!

In diesem Fall unfreiwillig beständige Grüße, Hugo.

ClassicPassion will stay!!!